Projekt Quartier inklusiv: Sozialräume gemeinsam gestalten
Sozialräume inklusiv zu gestalten und die Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen zu ermöglichen, ist eine zentrale Aufgabe des LWL. Besonders hinsichtlich der Gruppe der Menschen mit Behinderung stellen sich bei der Erfüllung dieser Aufgabe jedoch zahlreiche Herausforderungen. Das Modellprojekt „Quartier inklusiv“ trägt dazu bei, diesen Herausforderungen besser zu begegnen. Dabei nimmt es einerseits in den Blick, wie Inklusion in zwei Stadtteilen ("Quartieren") der Stadt Bielefeld vorangebracht und die Teilhabe von Menschen mit Behinderung konkret verbessert werden kann. Andererseits werden im Rahmen des Projekts Strukturen und Instrumente entwickelt und erprobt, die im Sinne der Inklusion eine bessere Steuerung auf sozialplanerischer Ebene ermöglichen. Insofern leistet das Projekt einen Beitrag zur Entwicklung einer strategischen, integrierten Sozialplanung von Städten und Gemeinden, überörtlichen Trägern, betroffenen Personengruppen und Akteur:innen vor Ort.
Das Projekt wird von der Stadt Bielefeld in Kooperation mit dem LWL durchgeführt, wobei die Projektergebnisse allen Städten und Kommunen in Westfalen-Lippe zur Verfügung gestellt werden. Projektbeteiligte sind das Büro für Sozialplanung der Stadt Bielefeld, das LWL-Inklusionsamt Soziale Teilhabe sowie weitere Akteur:innen aus Bielefeld. Menschen mit Behinderung, die in den beiden Bielefelder Stadtteilen leben, bringen sich in Form der Selbstvertretung und darüber hinaus in themenspezifischen Quartiersveranstaltungen ein. Die Hochschule Bielefeld begleitet und unterstützt das Projekt.
Das Projekt läuft von Januar 2025 bis Dezember 2026 und wird gefördert durch die LWL-Sozialstiftung.
Um teilhaben zu können, benötigen Menschen mit Behinderungen gute und förderliche Bedingungen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld. Dazu gehören unter anderem passende Unterstützungs- und Wohnmöglichkeiten, barrierearme Mobilitätsangebote und eine bedarfsgerechte medizinische Versorgung.
Dass sozialräumliche Strukturen geschaffen werden und inklusiv ausgerichtet sein müssen, ist seit Inkrafttreten des Bundesteilhabegesetzes eine rechtliche Vorgabe. In der Praxis wird eine solche Sozialraumorientierung jedoch unterschiedlich verstanden und umgesetzt. Genau hier setzt „Quartier inklusiv“ an: Das Projekt bringt die Perspektiven von Kommune, LWL, Leistungserbringern der Eingliederungshilfe und Menschen mit Behinderungen zusammen. So entsteht eine gemeinsame Steuerungsebene von Kommunen und LWL für konkrete Ziele und Maßnahmen vor Ort. Sozialräumliche Ressourcen können stärker genutzt werden, damit Menschen mit Behinderungen möglichst selbstständig leben können und professionelle Unterstützung gezielter eingesetzt werden kann. Dies ist in Zeiten des Fachkräftemangels, der auch in der Eingliederungshilfe zu verzeichnen ist, von zunehmender Bedeutung.
Die Ideen dafür, wie man das jeweilige Quartier inklusiver gestalten kann, kommen direkt von den Menschen, die in den Stadtteilen leben. Im Rahmen mehrerer Quartierveranstaltungen wurden Hindernisse herausgearbeitet und praxistaugliche Lösungsansätze entwickelt. Ein anschauliches Beispiel ist der Bielefelder Barriere-Melder, ein Online-Forum, in dem die Bürger:innen physische Hürden im öffentlichen Raum, digitale Zugangsprobleme oder unzugängliche Veranstaltungen einfach melden können. Die Antworten der Stadt sind öffentlich und auf einer digitalen Karte können interessierte sehen, wo sich die gemeldeten Barrieren befinden.
Im ersten Projektjahr standen der Projektaufbau und die Erforschung der Bedarfe von Menschen mit Behinderung in zwei Bielefelder Stadtteilen im Mittelpunkt. Die Steuerungsstruktur zwischen LWL und Kommune wurde aufgebaut und ein Projektbeirat eingerichtet. Auf der Grundlage von anonymisierten Daten zu den Leistungsberechtigten in der Eingliederungshilfe wurden mit Bielefeld-Brackwede und -Sieker zwei Pilotquartiere festgelegt. Damit verfügte das Projekt über konkrete Arbeitsräume für Beteiligung, Bedarfserhebung und Praxiserprobung. Auf der Steuerungsebene wurden mit Blick auf den zu entwickelnden sozialplanerischen Handlungsrahmen zentrale Handlungsfelder definiert und erste Leitziele entwickelt. In den beiden Quartieren wurden Beteiligungsformate durchgeführt und erste Methoden getestet. Dazu zählten unter anderem Mapping-Ansätze, Werkstattformate und quartiersbezogene Veranstaltungen. So wurden konkrete Bedarfe sichtbar und erste Umsetzungserfahrungen gesammelt. Parallel wurde die strategische Entscheidung getroffen, den geplanten Methodenkoffer als zentrales Instrument sozialplanerischer Steuerung digital auszurichten. Die Projektergebnisse werden somit strukturiert und auch für andere Kommunen gut nutzbar aufbereitet und dargestellt. Die Hochschule Bielefeld unterstützte das Projekt durch den Einsatz von Studierenden in den Quartieren, wodurch zusätzliches Wissen über Inklusionsdefizite und -bedarfe generiert wurde.
Das Büro für Sozialplanung der Stadt Bielefeld übernimmt im Projekt die koordinierende Rolle. Es verbindet die Stadt mit dem LWL, der Hochschule, den Leistungserbringern, den Menschen mit Behinderungen und weiteren Partnern vor Ort. Je nach Handlungsfeld werden Netzwerke etwa aus der Verwaltung, der Wirtschaft, dem Bildungswesen oder dem Freizeitbereich im Quartier initiiert beziehungsweise in die Projektarbeit eingebunden. Bestehende Steuerungs- und Planungsgremien werden einbezogen, wodurch das Projekt an vorhandene Strukturen anschließen und Ergebnisse nachhaltig verankert werden können.
Im Jahr 2026 liegt der Fokus auf Umsetzung, Erprobung und Transfer der Projektergebnisse in die Praxis. Die bisherigen Ergebnisse aus 2025 werden in ein nutzbares Steuerungsinstrument für die LSP überführt. Zunächst werden zentrale Leitziele verbindlich festgelegt. Je Handlungsfeld sollen maximal zwei bis drei Leitziele definiert und mit passenden Kriterien hinterlegt werden, anhand derer eine Zielerreichung überprüft werden kann. Damit entsteht eine klare Steuerungsgrundlage für LWL und Kommune. Außerdem wird der Kernumfang des digitalen Methodenkoffers beschlossen, wobei der Fokus auf einem schlanken und für alle Gebietskörperschaften gut nutzbaren Instrument liegt. Es soll Handlungsfelder, Ziele, Maßnahmen, Prüfkriterien und Querschnittsthemen umfassen.
Ein weiterer Schwerpunkt in 2026 ist der sogenannte LSP-Pilot. In Bezug auf das Handlungsfeld Wohnen soll die im Handlungsrahmen angelegte Steuerungs-Logik in dem entsprechenden Gremium getestet werden. Dabei wird mindestens eine konkrete Maßnahme vereinbart und mit entsprechenden Prüfkriterien hinterlegt. Zum Projektende soll dann ein übertragbarer Handlungsrahmen für die Schaffung und Ausgestaltung inklusiver Sozialräume vorliegen, der konkrete Handlungsfelder, Ziele, Methoden und Umsetzungsschritte beschreibt und LWL-weit genutzt werden kann. Zugleich bringen die Projektergebnisse die Inklusion in den beiden Pilotquartieren Brackwede und Sieker konkret voran.